Dies ist der zweite Teil meines Erfahrungsberichts zur Wettkampfangst. Wie aus Ehrgeiz und Perfektionismus eine lähmende Angst wurde, erzähle ich in Teil 1.

Ursachenforschung

Ich begann damit, zu hinterfragen, warum es mir bei Wettkämpfen so schlecht geht. Mir wurde schnell klar, dass ich extrem hohe Erwartungen an meine Leistung hatte und auch der Auffassung war, andere hätten eine solch hohe Erwartung an mich. Ich wollte in keinem Fall beim Wettkampf starten und versagen. Ich wollte immer alles richtig machen, Fehler waren mir peinlich.

Die zweite Erkenntnis lag darin, dass ich mich bei Gruppenwettkämpfen sehr viel besser im Griff hatte als bei Einzelwettkämpfen. Es gab mir immer ein gutes Gefühl, mit meiner Nervosität nicht allein zu sein. In der Gruppe geht man gemeinsam auf die Fläche, man gewinnt gemeinsam oder verliert gemeinsam. Stehe ich allein auf der Fläche, liegt alles an mir und meiner Leistung.

Eigentlich klingt das widersprüchlich zu meiner ersten Erkenntnis: Wenn ich doch Angst habe, die Erwartungen anderer zu enttäuschen, warum ist es für mich dann weniger schlimm, im Team Verantwortung für die Leistung zu tragen? Ich denke, das liegt daran, wie wir in der Mannschaft mit Erfolg und Misserfolg umgehen. Keiner trägt die Schuld oder die alleinige Verantwortung für die Teamleistung, jeder hat mal bessere und schlechtere Tage. So hatte ich nie den Druck, „performen” zu müssen - ich wollte es aber für mein Team.

Das Bewusstsein für die Ursachen meiner Wettkampfangst war der erste Schritt. Es blieb aber die Frage, wie ich dagegen vorgehen konnte. Ich wusste, es muss sich etwas an meinem Mindset verändern, aber das würde ein langer Weg werden.

Erste Maßnahme: die Pre-Wettkampf-Routine

Als erste Direktmaßnahme arbeitete ich an meiner Pre-Wettkampf-Routine. Der Wettkampftag selbst, insbesondere das Aufstehen, die Anreise und die Vorbereitung, war immer das schlimmste für mich, da ich mit furchtbarer Übelkeit zu kämpfen hatte. Diese wurde einerseits durch meine Nervosität ausgelöst, andererseits jedoch dadurch verstärkt, dass ich am Wettkampfmorgen nichts essen konnte (wegen der Übelkeit) - ein Teufelskreis.

Ich begann also damit, am Wettkampftag früher aufzustehen, um mir Zeit zu nehmen, etwas Essbares in mich hineinzuzwingen. Das klingt jetzt hart, aber zu Beginn war es wirklich ein Kampf. Und das war der erste Schritt zur Besserung. Nur dadurch konnte ich zeitweise meine Übelkeit reduzieren und somit zumindest meine körperlichen Symptome etwas einschränken. Ich nahm mir in der Wettkampfstätte ab dann immer ausreichend Zeit, mich vorzubereiten, um aufkommenden Stress möglichst gering zu halten.

Die Arbeit am Mindset

Die weit größere Baustelle war jedoch mein Mindset. Und ich gebe zu, daran arbeite ich auch jetzt immer noch! Fehler und Versagen waren für mich immer ein absolutes No-Go. Mittlerweile versuche ich, diese als Wachstumschance zu sehen. Erst durch Fehler weiß ich, woran ich noch arbeiten kann. Ich weiß, wo meine Stärken liegen, mache mir diese immer wieder bewusst und nutze sie, um selbstbewusst in den Wettkampf zu gehen.

Weiterhin ist der Wettkampf für mich zwar immer noch das Saison-Ziel, aber er definiert nicht meine ganze Saison und auch nicht meine Liebe zum Sport. Es kommt für mich inzwischen viel mehr darauf an, eine gute Zeit zu haben. Aus Teamkameradinnen sind Freundinnen geworden und aus dem Wettkampf ist ein gemeinsames Erlebnis geworden. Ich versuche, die kurze Zeit auf der Wettkampffläche zu genießen: die Musik, die Choreografie, die Eleganz und das Teamgefühl - alles ist wichtiger als das Ergebnis.

Nervosität als Antrieb

Natürlich ist mir die Leistung immer noch wichtig. Wie ich in Teil 1 meines Erfahrungsberichts erzählt habe, sind Ehrgeiz und Leistungsanspruch in meiner Persönlichkeit verankert. Aber ich habe verstanden, dass sie nicht alles sind. Auch die Nervosität ist immer noch da, und das ist völlig okay - aber sie nimmt mir nicht mehr das schöne Wettkampfgefühl weg wie früher. Sie spornt mich an, sie motiviert mich und zeigt mir, wie wichtig mir mein Sport und mein Team sind. Stell dir vor, die Nervosität wäre gar nicht mehr da… Das wäre doch auch schade, oder?